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Dankbarkeit und Gedenken

  • 09.07.18, 14:46
  • Jan Sting
  •   Im Auftrag des Herrn

Sie, die katholischen Mitglieder, denen der dortige Pfarrer Joachim Decker vor einigen Jahren die Kirchenpforte öffnete, beten für ihre Landsleute, die den Massenexodus vor dem roten Terror in Südvietnam nicht überlebten. Damals rüttelten die Fernsehbilder über das Flüchtlingsdrama und das menschliche Elend auf verrosteten Frachtschiffen die Zuschauer in deutschen Wohnzimmern auf. Die kleine Gemeinde in Düsseldorf unter dem Vorsitz von Peter Dam dankt noch immer für ihre Rettung auf hoher See.

Geheimdienst überwachte Gottesdienstbesuch

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Vier Tage und Nächte hatte seine Frau, Mai Dam, außer ab und zu ein paar Teelöffeln Wasser, nichts zu sich genommen. Auf einem überfüllten kleinen Fischerboot mit 500 Menschen waren sie von der Hauptstadt der Republik Saigon aufs offene Meer geflüchtet.

Die Angst vor dem roten Terror nach dem Sieg der nordvietnamesischen Truppen im Jahr 1975 überwog die Furcht vor der Lebensgefahr auf offener See. Mai Dam wurde vom Geheimdienst bei ihren frühmorgendlichen Gängen zum Gottesdienst überwacht, sogar geschlagen. Mit acht Prozent in der Bevölkerung waren die Katholiken eine Minderheit. Die gelernte Kindergärtnerin und der Physiklehrer hielten die Repressionen in ihrem Heimatland nicht mehr aus und flüchteten 1980. Im Gegensatz zu anderen „Boat People“, die monatelang auf überfüllten, schrottreifen Frachtern vegetierten und nicht selten von Piraten überfallen wurden, hatten sie noch Glück. Am 30. April 1980 tauchte vor ihnen ein Rettungsschiff des Vereins Cap Anamur/ Deutsche Notärzte mit Rupert Neudeck an Bord auf.

"Demokratie ist wichtig"

„Ich war im vierten Monat schwanger, konnte nach dem dicht gedrängten Sitzen im Boot nicht mehr laufen. Mein Mann musste mich tragen. Mit vier anderen Frauen wurde ich in einem Tuch an Deck gezogen. Die Freude über die Rettung war unbeschreiblich“, erinnert sich die heute 62-Jährige. Auf der Flucht habe das kleine Fischerboot als Lockvogel gedient, zwei größere Schiffe mit Flüchtlingen wurden beschossen. Nach wie vor schauen sie sorgenvoll auf die politische Entwicklung in ihrer Heimat. China mit seinem Einparteiensystem habe ein Auge auf das Land geworfen, große Flächen eingenommen und verdränge die Einheimischen. „Demokratie ist wichtig“, sagt Peter Dam. Die Diskussion um Transitzentren in Europa sehen beide skeptisch. „Das Lagerleben ist für keinen Menschen gut. Die Enge befördert Anspannungen. Alle sind unter Druck. Das ist schlimm.“ Dass sie damals in Deutschland so gut aufgenommen wurden, habe ihnen geholfen, die Sprache zu lernen, beruflich und gesellschaftlich Fuß zu fassen. „Wir haben schon in der Heimat gelernt, dass man zu nichts kommt, wenn man nicht fleißig ist und lernt.“ Stolz sind die Dams auf ihre vier Kinder, die Familie haben und beruflich erfolgreich sind. Im Jahrgedächtnis erinnerte Dam an Rupert Neudeck, den Mitbegründer der Hilfsorganisation Cap Anamur, der am 31. Mai 2016 im Alter von 77 Jahren verstarb. Sein Schwiegersohn, der Arzt Dinh Qung Nguyen, sprach auf der Trauerfeier für den Humanisten. Auch er wurde von ihm aus dem Südchinesischen Meer gerettet.

AdventsZeit 2018 (c) Robert Boecker

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