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Das Wunder von Melipilla-Puangue

  • 20.11.18 11:47
  • Rudolf Schloz
  •   Im Auftrag des Herrn

Im November 1998 berichtete mir Madre Consuelo, Priorin des Klosters der Carmelitas Descalzas in Melipilla-Puangue folgende Begebenheit. Vorauszuschicken ist: Die Schwestern bauen seit Jahren an ihrem neuen Kloster und das mit bewundernswerter Zielstrebigkeit, Ausdauer und Hartnäckigkeit. Sie haben damit erreicht, dass ihr neues Zuhause eines der schönsten, modernsten und großzügigsten Klöster Chiles ist. Immer wieder mussten die Bauarbeiten unterbrochen werden, weil das Geld ausgegangen war und neue Zuwendungen - auch aus dem Ausland, in erster Linie aus Deutschland - nicht zu erwarten waren. Die Schwestern hofften dann immer aufs Neue auf ein „finanzielles Wunder". Aber dieses Mal war die Lage so ernst wie nie. Schwester Consuelo bemerkte nämlich beim letzten Kassensturz ein Defizit von etwa 60 Millionen Pesos. Das sind umgerechnet etwa 107 000 Euro. Die Schwestern wussten in diesem Augenblick nicht mehr weiter. Alle Freunde und Förderar hatten sie schon so oft um Unterstützung gebeten, dass sie jetzt nicht schon wieder an einen der Gönner herantreten konnten, zumal die Größenordnung von fast 60 Millionen Pesos für einen Einzelnen sowieso als viel zu hoch schien. Eine ausweglose Situation. Aber an Gottvertrauen hat es den Nonnen noch nie gefehlt, und mit ihren intensiven Gebeten und mit Hilfe der heiligen Teresita de los Andes „rennen sie die Türen des Himmels ein“, wie man in Chile sagt.

Eine geheimnisvolle Begegnung

Zwei Tage nach dem betrüblichen Kassensturz klingelte es spät am Abend an der Pforte und eine allen völlig unbekannte Frau verlangte die Schwester Consuela zu sprechen. Als die Oberin schließlich an der Pforte erschien, stand vor ihr eine vermummte und verschleierte Frauengestalt und übergab der staunenden Schwester eine Plastiktüte. Ihre einzigen Worte waren: "Das ist für Sie". Schwester Consuelo fragte: "Was ist das und wer sind Sie?" Aber die Gestalt antwortete nur: "Das ist unwichtig". Danach verschwand sie rasch in der Dunkelheit. Die Schwestern waren in hohem Masse verwirrt und machten sich nur zögernd daran, den Inhalt der Plastiktüte zur erkunden. Zu ihrer großen Überraschung stellte sich heraus, dass es sich um mehrere Bündel mit 10000er-Peso-Scheinen handelte. Sie waren ratlos, dachten, es sei vielleicht Geld von einem Diebstahl oder Bankraub, das im Kloster sichergestellt und bald wieder "abgeholt" würde, oder sie vermuteten einen schlechten Scherz mit Falschgeld.Nach einer schlaflosen Nacht fassten sie sich ein Herz und gingen zu ihrer Bank in Melipilla, wo sie der Direktor in einem sicheren Hinterzimmer bediente. Er prüfte sämtliche Geldscheine und stellte fest, dass alle echt waren. Dann machte er sich ans Zählen. Das Ergebnis: 58 Millionen, also fast genau die Summe des Defizits.

Nie mehr gesehen

Die Schwestern waren weiterhin ratlos und verwirrt und meldeten tags darauf den Vorfall ihrer Polizeistation. Der Polizist sagte, ihm sei von einem Bankraub oder Diebstahl nichts bekannt, sie sollten doch mit ihrer Geldtüte wieder ins Kloster zurückgehen und vielleicht einige Tage warten, ob sich das Rätsel löse. Als sich nach zwei Wochen quälenden Wartens nichts getan hatte, waren die Schwestern selig über das Wunder, wie sie sagten, und sie machten sich schwungvoll daran, den letzten Bauabschnitt zu vollenden. Von der "Gestalt", die ihnen in der Nacht das Geld übergeben hatte, haben sie nie mehr etwas gehört oder gesehen. Mit den Schwestern freuten sich dann auch noch die Dorfbewohner von Puangue über das Wunder im Kloster.

AdventsZeit 2018 (c) Robert Boecker

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