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Ich wollte, dass Du lebst

  • 13.07.18 10:14
  • Markus Harmann
  •   Im Auftrag des Herrn

Irgendwann konnte Elena J. (Name geändert) einfach nicht mehr. Sieben Monate lang hatte sie niemandem erzählt, dass sie ein Kind erwartete, nicht einmal einem Arzt. Dass sie schwanger war, wusste sie längst: Der Test war positiv gewesen und da war dieses sichere Gefühl, das sie von ihren ersten vier Schwangerschaften kannte. Sie trug weite Pullover und zu große Blusen, um ihren größer werdenden Bauch zu kaschieren. Die alte Dame, die sie pflegt, und für die sie aus Bulgarien nach Deutschland gekommen war, durfte nichts bemerken. Elena J. hatte nur diese Arbeit, sie brauchte das Geld. Aber dieses Kind würde sie nicht großziehen können. Nur wo sollte sie es zur Welt bringen? Bei der 92-jährigen Dame in Wuppertal? Sie hatte von der Babyklappe gehört. Aber konnte sie sicher sein, dass es ihrem Kind danach gut gehen würde? In der 30. Schwangerschaftswoche wählte Elena J. die Nummer von esperanza, der Schwangerschaftsberatung der Caritas. Elena J., die kleine und kräftige Frau mit den kurzen schwarzen Haaren, zitterte, als sie die Tasten ihres Handys drückte.

Heimlichkeiten und Notlügen

Unter dem Vorwand, sich in der Heimat um ihre kranken Kinder kümmern zu müssen, bat Elena J. ihren Arbeitgeber – die Firma, die sie an die alte Dame vermittelt hatte – kurzfristig um Urlaub. Dass Elena J. nicht nach Bulgarien reiste, sich stattdessen in einer Wohnung der Caritas aufhielt und auf die Geburt wartete, wusste nur Kornelia Fazel. Jederzeit habe sie mit einem Anruf von Elena J. gerechnet. Wenn es so weit wäre, würde sie mitfahren ins Klinikum, wo man bereits vorbereitet war auf die Geburt der Mutter, die ihr Kind unter einem Decknamen zur Welt bringen und zur Adoption freigeben würde. Der Anruf kam an einem Freitag gegen 23 Uhr. Bei Elena J. begannen die Wehen. Ein Taxi brachte sie in das Wuppertaler Krankenhaus. Die Geburt verlief ohne Komplikationen.

Brief für die Zukunft

15 Minuten lang hielt Elena J. ihren Sohn im Arm, weinte, lachte, nahm Abschied von ihrem Kind. Die Adoptiveltern standen bereits fest. Elena J. hatte sie mitausgewählt – anhand eines Briefes, den das Paar ihr geschrieben hatte. Auch Elena J. schrieb einen langen Brief. Auf Bulgarisch. An ihr Kind. Später soll es ihn einmal lesen und erfahren, warum seine Mutter es abgegeben hat. Der Gedanke, dass ihr Sohn eines Tages vor ihr stehen könnte, macht ihr keine Angst. Im Gegenteil: „Ich glaube, ich würde mich sehr darüber freuen“, sagte sie zu Kornelia Fazel. „Mein Kind soll wissen, dass ich auf jeden Fall wollte, dass es lebt.“ Eine Woche nach der Geburt zog Elena J. zurück zu der alten Dame, die sie pflegt. Den wahren Grund für ihre Abwesenheit hat sie ihr nie erzählt.

Infos zur vertraulichen Geburt

Im Mai 2014 trat das Gesetz zum Ausbau der Hilfen für Schwangere und zur Regelung der vertraulichen Geburt in Kraft. Im Unterschied zur anonymen Geburt entbindet die Mutter bei einer vertraulichen Geburt unter Pseudonym. Nur der Beraterin einer Schwangerschaftsberatungsstelle offenbart sie ihre Identität. Die Beraterin ist verpflichtet, einen Herkunftsnachweis für das Kind anzufertigen, der versiegelt im Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) aufbewahrt wird. Ist das Kind 16 Jahre alt, hat es das Recht, seine Herkunft zu erfahren. Bundesweit nahmen bislang 330 Frauen die Möglichkeit einer vertraulichen Geburt wahr. Die esperanza-Schwangerschaftsberatungen im Erzbistum Köln begleiteten 13 Frauen auf diesem Weg. Hilfe finden Schwangere, die anonym bleiben wollen, unter: 0800 40 40 020.

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