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Katholisch in Vietnam

  • 04.11.18 20:33
  • Lars Schäfers
  •   Kultur und Kirche

Phát Diệm ist eine Stadt im Norden Vietnams, die als ein Zentrum des vietnamesischen Katholizismus gilt. Eine Jesusstatue auf einer kleinen Insel inmitten eines künstlichen Sees begrüßte uns mit ausgebreiteten Armen auf dem Weg zur Kathedrale des Bistums. Doch das Gebäude mutet mehr wie ein buddhistisch-daoistischer Tempel im traditionell chinesischen Baustil an. Nur die Kreuze und Verzierungen in der Form von Monstranzen auf den typischen geschwungenen Dächern lassen auf ein christliches Gotteshaus schließen. Knapp 15 Prozent der Bevölkerung Phát Diệms sind katholisch. In ganz Vietnam sind es etwa sieben Prozent. Damit hat das südostasiatische Land den viertgrößten katholischen Bevölkerungsanteil Asiens – und er wächst stetig. Die Architektur scheint eine Inkulturation des Glaubens zu spiegeln, die nach Papst Franziskus im besten Falle nicht die echten Werte einer Kultur schwäche, denn die Kirche solle sich dem Pontifex zufolge anpassen, ohne sich zu verwandeln und auf die jeweilige Kultur des Landes Rücksicht nehmen.

Katholisch zu glauben ist gefährlich

Anpassung ist indes eine Haltung, die im Arbeiter- und Bauern-Staat nichts weniger als eine existenzielle Notwendigkeit ist. Seit die Kommunisten im ganzen Land an der Macht sind, gelten Katholiken als „Reaktionäre“ und „Feinde des Sozialismus“. Besonders gefährlich war die Lage in den 1970er Jahren, nachdem am Ende des Vietnamkrieges das ganze Land sozialistisch wurde. Oft war damals und ist bis heute Auswanderung die letzte Option für gläubige Katholiken, die ins Visier des Staates geraten sind. Die kommunistische Partei Vietnams duldet keine Opposition oder Kritik, Menschenrechte werden unterdrückt. Offiziell herrscht zwar Religionsfreiheit, doch ist ihre konkrete Verwirklichung letztlich der Willkür der Behörden ausgeliefert. Staatliche Repressionen und Verhaftungen von Priestern sind keine Seltenheit.

Wachstum trotz Gefahr

„Katholiken sind gute Menschen; sie bringen keinen um“ – so fasste unser Guide seine Meinung über Katholiken zusammen. Obwohl er an den Sozialismus von „Onkel Ho“, wie der 1969 verstorbene Revolutionsführer Ho Chi Minh von vielen hier liebevoll genannt wird, glaubt, scheint zumindest er das prinzipielle Misstrauen der Kommunisten gegenüber Katholiken nicht zu teilen. Die Lage in Vietnam macht deutlich, dass Inkulturation allein nicht genügt, wenn eine feindlich gesonnene Regierung fundamentale Rechte und damit auch die Glaubensfreiheit einschränkt. Dass die Kirche in Vietnam trotz alledem stark wächst und von einer tiefen Freude am Glauben sowie von Bekennermut geprägt ist, stimmt hoffnungsvoll.

AdventsZeit 2018 (c) Robert Boecker

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