(c) Simon Jacob

Peacemaker Simon Jacob: "Sie sehnen sich nach Frieden"

  • 09.10.18 11:16
  • Martin Mölder
  •   Nachgefragt

Herr Jacob, Sie waren mehrere Monate im Nahen Osten unterwegs. Wie haben Sie die Situation der Christen dort erlebt?

Man muss hier differenzieren. Im Libanon sind es eher die wirtschaftlichen Verhältnisse, die Christen veranlassen auszuwandern. Die Türkei, wo ich einst auf die Welt kam, hat nur noch einen geringfügigen Anteil an Christen im Land, die, solange sie sich politisch nicht zu sehr in die Themen einbringen, ihrem Leben nachgehen können. Hier gab es seit den Nullerjahren, als man sich Europa öffnete, Verbesserungen. Doch in manchen Fällen werden auch die Rechte christlicher Minderheiten indirekt beschnitten. Gleiches gilt auch für andere religiöse Minderheiten wie z.B. die Aleviten, um ein Druckmittel in der Hand zu haben. Der Irak hat einen Großteil seiner Christen, besonders seit dem Einmarsch der USA 2003, verloren. Syrien hat temporär und lokal betrachtet mit Extremisten zu kämpfen. Was zur Folge hat, dass viele Christen das Land verlassen. Die, die bleiben, verlassen sich auf ein autokrates Regime, welches zwar Schutz bietet, aber nur solange man der politischen Agenda folgt. Ein Dilemma für die dort ansässigen Kirchenlenker, die sich an das Regime klammern, um den Fortbestand der Kirchen zu sichern.

Ihnen sind viele Menschen begegnet, viele Schicksale. Welche Begegnung hat Sie besonders berührt?

Das Schicksal derer, denen Unrecht geschehen ist, die Söhne, Töchter, Eltern verloren haben, hat mich immer wieder im Herzen erschüttert. Die, die überleben, berichten über Grauenvolles. Doch gerade als Mann war es besonders schlimm für mich zu begreifen, dass Frauen und Mädchen fürchterliche Dinge angetan werden. Hinzu kommt durch alle Seiten begangene Folter. Dies in einem Ausmaß, welches ich mir vor Jahren, in meinem beschaulichen Zuhause in Europa, niemals so hätte vorstellen können. Dennoch möchte ich betonen, dass es auch sehr viele Momente der Freude, des Lachens, des gemeinsamen, auch überkonfessionellen, Gebetes und andere Aktivitäten gab. Die meisten Menschen in der Region sehnen sich nach Frieden und einer Ordnung.

Wie wichtig war Ihr Glaube während der Reise?

Als moralischer Kompass und spiritueller Balsam von immenser Bedeutung. Ich konnte es nicht vermeiden, was rein menschlich ist, in manchen Momenten Hass und Wut zu empfinden. Oft gefolgt von Rachegefühlen. Mein Glaube lehrte und lehrt mich, oft durch das Beispiel von gläubigen Christen in der Region, denen Schlimmes widerfahren ist, den Weg der Vergebung, der Nächstenliebe und besonders der Menschlichkeit zu gehen.

Ein Kapitel Ihres Buches heißt „Friede für die Welt“. Welche Art von „Peacemakern“ braucht es dafür?

Viele, die mein Buch gelesen haben, glauben, sie müssten den gleichen Weg gehen. Doch das ist Unsinn. Jeder von uns kann im kleinen Rahmen etwas bewegen. Und viele machen das auch. Es ist nur nicht jedem ersichtlich. Deswegen haben wir den Blog www.peacemaker-tour.com geschaffen. Inzwischen haben wir damit begonnen Menschen aufzufordern, uns ihre Geschichte ihres friedlichen Handelns zu erzählen. Jemand in Deutschland hilft einem älteren Menschen, dann lasst uns doch darüber berichten. Einst begegnete mir in München der Besitzer eines Falafel – Imbiss, der als Slogan auf dem Schaufenster stehen hatte: „No war – eat Falafel“. Im Gespräch erläuterte mir dieser, dass jeder willkommen sei: Jude, Muslim, Atheist - solange nicht über Politik gesprochen wird. Das veröffentlichte ich z.B. in einem Artikel in den sozialen Medien. Jeder von uns kann das. Es zeigt doch im Grunde, dass wir sehr viel Positives schaffen können. Nur wird eben weniger darüber berichtet, weil negative Schlagzeilen auch mehr Aufmerksamkeit bedeuten. Das ist sehr schade. Es verzerrt oft das Bild unserer vielfältigen Gemeinschaft. Ein „Peacemaker“ zu sein bedeutet eben, sich auch auf diese kleinen Dinge zu konzentrieren.

Was gibt Ihnen Hoffnung, dass Friede selbst im Nahen Osten gelingen kann?

Das ist einfach zu beantworten. Es ist die Tatsache, dass die meisten Menschen in der Region, und wahrscheinlich ist das weltweit so, sich einfach nach Frieden und einem einfachen Leben sehnen. Wenn Friede ein Grundbedürfnis ist, so können wir alle gemeinsam eines Tages auch den Krieg in der Gänze aus der Welt schaffen.

 (c) Herder-Verlag

Projekt "Peacemaker" - Meine Suche nach Frieden
Seit Jahren reist Simon Jacob durch Länder wie Syrien, Irak oder Iran. Als Angehöriger eines wichtigen Clans gelangt er an Orte, die für andere nie zuganglich waren. Dort spricht er mit Menschen, immer auf der Suche: der Suche nach Frieden, auch seinem eigenen Inneren. Seine Reise schildert auch die Schrecken dieser Kriegsgebiete. Aber mehr noch zeigt dieses Buch, dass und wie Friede wirklich möglich ist. Eine Botschaft, die vor allem in diesen Tagen Mut und Hoffnung macht und motiviert, zu kämpfen für eine bessere Zukunft und für etwas, was Simon Jacob ausgerechnet im Irak und in Syrien wiedergefunden hat: Menschlichkeit.

Peacemaker
Mein Krieg. Mein Friede. Unsere Zukunft.
von Simon Jacob (Autor/in)

Verlag Herder
1. Auflage 2018
Klappenbroschur
224 Seiten

Preis: 20,00 €

SommerZeit 2018 (c) Robert Boecker

Lesen Sie hier die aktuelle Ausgabe der SommerZeit 2018.

Zur SommerZeit 2018 »