(c) Julia Rosner

Rom: Die vielen Gesichter der „Ewigen Stadt“

  • 19.11.18 12:59
  • Julia Rosner
  •   Im Auftrag des Herrn

Es ist noch dunkel, wenn die ersten Händler ihre vollbeladenen, dreirädrigen Verspacars aus den Seitengässchen auf den Campo de' Fiori rollen. In Windeseile bauen sie auf dem kleinen Platz, der östlich des Tibers im Centro Storico von Rom liegt, einen imposanten Obst- und Gemüsemarkt auf. Noch bevor die letzte Ladentheke steht, erfeilschen sich auf dem „Campo“, wie der ehemalige Blumenmarkt liebevoll genannt wird, einheimische Frühaufsteher und Küchenmeister ihre Einkäufe und plaudern über den neusten Tratsch und Klatsch der Stadt. Die ersten Cafés am Rande des Platzes öffnen währenddessen ihre Türen. Bis spätestens zehn Uhr hat jedoch der letzte Römer den Markt schon wieder verlassen. Dann wechselt das Publikum und zahlreiche Touristen schieben sich über den mittlerweile menschenvollen Campo, um die Statue von Giordano Bruna zu besichtigen, die in der Mitte des Platzes mahnend thront – im 17. Jahrhundert war der Philosoph genau dieser Stelle als Ketzer verbrannt worden. Anders als die frühaufgestandenen Einheimischen interessiert sich der Durchschnittstourist weniger für die Obst- und Gemüsetheken, als für die Gewürzstände. Viele nehmen eines der südländischen Tütchen als Souvenir mit nach Hause.

Zwischen Markt und Nachtleben

Sobald sich die römische Mittagshitze legt, ändert sich erneut das Gesicht des Campos. Fast genauso schnell wie sie am Morgen gekommen waren, verschwinden die Obst- und Gemüsehändler mit ihren Verspacars wieder in die umliegenden Gässchen der Altstadt. Dabei hinterlassen sie jedoch ihre Spuren. Auf dem unebenen Pflaster des Marktes bleiben kreuz und quer Obst-, Gemüse- und Verpackungsreste zurück. Dazwischen positionieren sich die ersten Straßenmusiker, die sich einen guten Platz für den Abend sichern. – Wer als Tourist am Nachmittag zum Campo de' Fiori kommt, ist von diesem wüsten Anblick zurecht verschreckt und angeekelt. Es lohnt sich jedoch, ein paar Stunden später am Abend einen erneuten Anlauf zu wagen. Nachdem mehrere kleine Kehrmaschinen über den Platz gefegt sind und alle Marktüberreste beseitigt haben, erstrahlt der Campo pünktlich zur Abendbrotzeit in neuem Glanz. Während schickgekleidete Italiener und herausgeputzte Touristen über den Platz flanieren und in den umliegenden Restaurants ihren Apertivo einnehmen, das heißt ihre Vorspeise – meist eine Kombination aus verschiedenen Antipasti mit einem Glas Spritz oder ähnlichem, ist an den Markttrubel vom Tag nicht mehr zu denken. Zu späterer Stunde geht das gesittete Getümmel dann in ein wildes Partytreiben über. Leicht angetrunkene Nachtschwärmer – meist Touristen – wagen das eine oder andere Tänzchen zur Musik der Straßenkünstler. Dies dauert besonders am Wochenende bis in die Morgenstunden hinein an. Spätestens wenn die ersten Markthändler den Platz am nächsten Morgen zurückerobern, tritt der letzte Feiernde seinen Heimweg an.

Eine Stadt – viele Gesichter

 (c) Julia Rosner

Warum ich das alles erzähle? Fast zweieinhalb Monate lang habe ich in Rom am Campo de' Fiori gewohnt und das Treiben jeden Tag vor meiner Haustür beobachtet. Ein besseres Theater kann man sich nicht vorstellen. Doch dieses Theater ist nicht nur auf dem ehemaligen Blumenmarkt zu finden, sondern in der ganzen Stadt. Zu jeder Tages- und Nachtzeit habe ich die einzelnen Orte Roms anders erlebt.

Dies ist mir in keiner anderen Stadt, die ich zuvor länger besucht habe, so deutlich aufgefallen wie hier. Rom ist eine Stadt mit unendlich vielen und faszinierenden Gesichtern. Das macht jedoch das Besichtigen der Ewigen Stadt nicht leicht: auch nach zweieinhalb Monaten, einem Jahr oder sogar mehreren Jahren, wird man Rom nie ganz erleben und verstehen können. Andererseits liegt darin auch der Reiz, immer wieder zurückzukommen. Auch ich bin mir sicher, dass ich bald zurückkommen werde – deswegen sage ich auch nicht „Ciao Roma“, sondern „Arriverderci“ – bis bald!

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