(c) Andheri-Hilfe Bonn

Solidarität in der Katastrophe

  • 24.08.18 17:31
  • Martin Mölder
  •   Nachgefragt

Wie beurteilen Sie jetzt, einige Tage nach der Jahrhundertflut, die Lage in Kerala und den anderen überschwemmten Gebieten Indiens?

Unzählige Menschen in Kerala waren während der letzten zwei Wochen dabei, das Leben  der Opfer der Jahrhundertflut zu retten. Die bezeugte Solidarität und der Beitrag der Zivilbevölkerung, insbesondere junger  Menschen und erfahrener Fischergemeinschaften  mit ihren Booten waren dabei maßgeblich lebensrettend. Sie riskierten dabei ihr eigenes Leben. Seit vier Tagen geht der Regen zurück und die Menschen  kehren in ihre Häuser zurück, doch sie  finden dort kein Zuhause. Schlamm, Schlangen, völlig feuchte Wände, tote Tiere, unerträglicher Geruch, verdorbene Vorräte, untragbare Kleider, verdreckte Trinkwasserbrunnen, weggeschwommene Dokumente und Schulmaterial der Kinder, etc. kennzeichnen den Zustand in den meisten Häusern. Der Stromausfall und die verschwundenen  Arbeitsgeräte erschweren die Säuberung. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln ist gefährdet, da die Läden wegen der Schädigungen nichts mehr anzubieten haben. Die Fluthilfe verteilt „Kits“ an die  Familien mit den nötigsten Überlebensmitteln. Die Dankbarkeit für das gerettete Leben ist nun vermischt mit der bangen Frage, wie es weiter geht.

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Welche langfristigen Folgen hat diese Katastrophe?

Tausende von Häusern sind zerstört, Der Bedarf an Infrastrukturaufbau ist besonders gravierend.  Die Straßen und viele  Brücken sind kaputt, Dämme sind zu reparieren, viele Schulen sind neu aufzubauen, die Stromversorgung ist sicher zu stellen.

Die Bauern brauchen Saatgut und Arbeitsgeräte. Die Förderung der Landwirtschaft, der Kleinindustrie und der für Kerala besonders wichtigen Tourismusindustrie wird längere Zeit in Anspruch nehmen. Die Finanzierung dieser Vorhaben stellt natürlich eine große Herausforderung dar. Die noch größere Herausforderung ist die richtige Lehre aus dieser Katastrophe zu ziehen, denn sie ist zum großen Teil wie der Klimawandel selbst von Menschen verursacht.

Was können Ihre Partnerorganisationen vor Ort derzeit tun?

Die Zivilgesellschaft engagiert sich für den Aufbau einer menschenwürdigen Gesellschaft. Dies geschieht vor allem mit vielen freiwilligen gemeinnützigen Organisationen (NGOs). Dazu gehören auch die Partner der ANDHERI HILFE in Kerala. Im Rahmen der Fluthilfe arbeitet die ANDHERI HILFE dort mit vier NGOs an vier Einsatzregionen zusammen. Sie sind langjährige Partner von uns und sie stehen seit Jahren im engen Kontakt mit der Ortsbevölkerung. Sie kennen die Menschen und sie kennen die Lage. Die Hilfe kommt an, wo sie am nötigsten gebraucht wird: bei den Ärmsten. Über die unmittelbare Nothilfe hinaus leisten sie schwerpunktmäßig Wiederaufbauarbeit. Dabei stehen vor allem die Kinder, die  Frauen und die Familien der Kleinbauern im Mittelpunkt. Hilfe zur effektiven Selbsthilfe  ist unser gemeinsames Ziel  bei der Projektzusammenarbeit – auch nach dieser Katastrophe.

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Sie stammen selbst aus Kerala. Welche Gefühle begleiten Sie in den vergangenen Tagen, wenn Sie an die Flutkatastrophe in Ihrer Heimat denken?

Ich kannte den Monsun, doch es war nicht vorstellbar, dass er so grausam zuschlägt.

Ich war während der letzten drei Wochen ständig in Kontakt mit Verwandten, Freunden und manchen Solidaritätspartnern in Kerala und Deutschland. Betroffen waren wir natürlich alle. Den Gemeinschaftsgeist der Bevölkerung in dieser Notsituation habe ich sehr bewundert. Für einen Monat existierten dort kein Kastensystem, keine Religionsunterschiede, keine Parteipolitik und keine gravierenden Korruptionsfälle. Trotz aller Betroffenheit verlieh dies ein zuversichtliches Gefühl. Dies wird sich leider nach der Katastrophe ändern und das wäre eine echte Katastrophe. Wir brauchen ein neues Kerala, ein neues Indien, ein neues Deutschland, ja eine neue Welt in Solidarität in der Einheit von Vielfalt. Träumen ist ja erlaubt.

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