(c) Julia Rosner

Zwei Monate in Rom

  • 20.09.18 11:48
  • Julia Rosner
  •   Im Auftrag des Herrn

„Das Leben ist zu kurz, um nicht ein bisschen Italienisch zu sein“ – sagt unser Reiseführer, ein Italiener wie aus dem Bilderbuch. Braungebrannt, mit Sonnenbrille, Goldkettchen und natürlich einem Handtäschchen. Damit motovierte er unsere kleine deutsche Gruppe bei der Führung durch das Kolosseum, über die Absperrung zu klettern und den, wie er sagte „gefährlichen, aber schönen“ Weg zur kaiserlichen Lodge zu nehmen. Und er hatte Recht. Mit einer kleinen „undeutschen“ Ordnungswidrigkeit hatten wir den besten Blick über das alte Amphitheater. Das ist jetzt sechs Jahre her. Damals war ich mit meinem Vater zum ersten Mal in Rom. Neben vielen schönen Erinnerungen, Unmengen Kaffeepäckchen und dem Gefühl einer religiösen Reizüberflutung habe ich auch den Wunsch mitgenommen, noch einmal wiederzukommen. Seitdem habe ich mich zur Serientäterin entwickelt und war noch drei weitere Male in der Ewigen Stadt. Jedoch immer als Touristin, die in wenigen Tagen von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit gehastet ist und nebenbei versucht hat, das „Dolce Vita“ einzusaugen.

Leben in der Stadt statt Touri-Tour

Bei meinem jetzigen Besuch ist das anders. Statt nur wenig Tage, habe ich über zwei Monate Zeit, die religiös faszinierende unwiderstehliche Stadt zu erkunden. Direkt am ersten Abend, als ich in Rom gelandet bin, kam mir der Spruch unseres klischeehaften italienischen Reiseführers aus dem Kolosseum wieder in den Sinn. „Das Leben ist zu kurz, um nicht ein bisschen Italienisch zu sein“. Was hat er wohl damit gemeint? Den entspannten italienischen Lebensstil? Die Bereitschaft, auch mal Neues auszuprobieren? Oder vielleicht auch einfach nur den Mut, das zu machen, worauf man gerade Lust hat – auch, wenn es vernünftig betrachtet, nicht immer sinnvoll ist? Das Italienischsein geht auf jeden Fall einfacher, als man denkt. Das habe ich direkt an meinem ersten Abend gemerkt. Obwohl ich müde von der Reise und geschafft von einem vorherigen Packmarathon in meiner Unterkunft in Rom gelandet bin, verspürte ich eine innere Unruhe. Während mir kurz vor Mitternacht eigentlich nach Zubettgehen war, ging das Leben in der kleinen Gasse vor meinem Fenster gerade erst richtig los. Aus allen Richtungen klangen Musik und italienisches Gemurmel. Außerdem roch es nach einem leckeren Gemisch aus Pizza und etwas Süßlichem. Wie ich später festgestellt habe, wohne ich direkt gegenüber einer kleinen „Panetteria“ (Bäckerei).

Pulsierendes Leben - Tag und Nacht

 (c) Julia Rosner

Wer zum ersten Mal in Rom ist, wird meinen, dass die Innenstadt jeden Abend einem großen Volksfest gleicht. Alle Geschäfte, Restaurants und Gelaterien haben geöffnet und vor den Bars tummeln sich Jung und Alt. Während sich die Italiener einen „Vino“ genehmigen, unterhalten sie sich über die Neuigkeiten des Tages.

Indem man nicht in der Bar sitzt, sondern mit dem Glas in der Hand davor steht, kann man natürlich viel besser die anderen Vorbeistolzierenden beobachten.  Auf der Piazza angekommen, habe ich das pulsierende Leben um mich herum beobachtet. Straßenmusiker, die versuchen die Aufmerksamkeit der vorbeilaufenden Meute zu erhaschen; Kinder, die sich gegenseitig lauthals über die Piazza jagen; Paare, die sich in den Armen liegen; Grüppchen von Priestern und Ordensleuten, die gemeinsam ein Gelato vernaschen und fliegende Händler, die leuchtende Gummigeschosse in den Nachthimmel katapultieren und diese an Touristen verkaufen möchte. Dieses Spektakulum gibt es so nur in Rom. Und es löst jedes Mal ein zufriedenes Gefühl des „unkomplizierten und lieblich beschwingten Lebens“ in mir aus. Das darf ich jetzt zwei Monate lang genießen! Saluti da Roma,

Eure Julia

SommerZeit 2018 (c) Robert Boecker

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